6. Oktober 2010
Das hat mich schon überrascht: Auf dem Stadtfest in Falkensee kamen immer wieder Menschen auf mich zu, um mich nach meiner Meinung über Thilo Sarazin und seine jüngsten Äußerungen zu fragen. Skeptisch hörten sie mir dann zu und fielen mir das eine oder andere Mal ins Wort: Aber der Mann hat doch Recht. Hat er das? Wenn ich genauer zurück gefragt habe, stellte sich meist folgendes heraus: Die überwiegende Mehrzahl derjenigen, die zunächst Sarazin Recht gegeben hatten, sind mit der aktuellen Politik extrem unzufrieden. Bis hin zu Begriffen, wie Faschismus und Diktatur reichten die Vorwürfe. Kein Wunder, wenn man sich genauer ansieht, wie verschiedenste Lobbygruppen inzwischen die politische Grundausrichtung der Republik bestimmen und die demokratischen Institutionen damit der Lächerlichkeit preisgeben. Die jüngsten Entscheidungen zur Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke sind nur die `Spitze des Eisbergs´, wenn es noch Beispiele für diese These brauchen sollte. Die Optimierung der Gewinnerzielung der großen Unternehmen – koste es, was es wolle – bestimmt alle Lebensbereiche. Die öffentlichen Kassen werden dafür ohne Scham geplündert, bis sie tatsächlich nichts mehr hergeben. Die Leidtragenden sind dann vor allem Rentnerinnen und Rentner, Alleinerziehende, Menschen, die von Sozialleistungen abhängig sind, Kinder und Jugendliche und: Menschen mit Migrationshintergrund. Es waren und sind Politikerinnen und Politiker, wie Tilo Sarazin, die bereitwillig die dafür notwendigen Gesetze vorbereitet, beschlossen und in Kraft gesetzt haben. Das macht die Auslassungen von Sarazin so verlogen: Er hatte als Minister einer Landesregierung jede Menge Gestaltungsmacht, Zustände, die er jetzt als unhaltbar geißelt, selbst zu verändern – gescheiterte Integration, das Gegeneinander von Generationen und Kulturen, Jugendkriminalität oder Gewalt. Es ist eben keine Frage der Gene, ob sich ein Mensch in eine Gesellschaft integriert oder integrieren lässt, sondern eine Frage des Umgangs der Gesellschaft mit ihren Mitmenschen, egal welcher Herkunft. Wenn ich – wie Herr Sarazin – die Mittel für Lehrer- und Erzieherstellen, für Jugendfreizeitangebote, Sprachkurse, Frauen- und Mädchenarbeit … zugunsten von Banken und Stromkonzernen kürze, bis sie auf Null sind, brauche ich mich nicht wundern, wenn sich die davon Betroffenen einer solchen Gesellschaft verweigern, Parallelgesellschaften mit ihren eigenen Regeln entstehen und dabei Formen des Zusammenlebens etabliert werden, die für unsere Zivilgesellschaft nicht akzeptabel sind. Es ist die Profitgier des Kapitalismus, die die Menschen deformiert und sie zu `Wölfen´ ihren eigenen Mitmenschen gegenüber werden lässt. Sarazins Erklärungsmuster sind Hetztiraden, damit das Spiel mit den Profiten munter weitergehen kann, indem sich sein Buch maximalst verkaufen lässt. Mit seinem goldenen Handschlag zum Ausscheiden bei der Bundesbank hat er sich überdies selbst die Maske vom Gesicht gerissen.